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Hörverlust verstehen

Audiogramm lesen: So verstehen Sie Ihre Hörkurve

Redaktion HörviaStand: Oktober 20267 Min. Lesezeit

Ein Audiogramm zeigt, wie laut ein Ton sein muss, damit Sie ihn gerade noch hören. Auf der waagerechten Achse stehen die Tonhöhen, auf der senkrechten die Lautstärke. Je weiter unten Ihre Kurve verläuft, desto stärker ist der Hörverlust.

Die beiden Achsen

Waagerecht: die Frequenz in Hertz (Hz). Links stehen tiefe Töne, meist ab 125 oder 250 Hz, rechts hohe Töne bis 6.000 oder 8.000 Hz. Für das Sprachverstehen sind vor allem die Bereiche zwischen etwa 500 und 4.000 Hz wichtig.

Senkrecht: der Hörverlust in Dezibel (dB HL). Oben steht 0 dB. Das ist der Wert, den junge, normal hörende Menschen im Durchschnitt erreichen. Nach unten steigen die Zahlen. Ein Punkt bei 40 dB bedeutet: Der Ton musste 40 dB lauter sein als bei einem durchschnittlich gut hörenden Menschen, damit Sie ihn wahrnehmen konnten.

Kreise, Kreuze und Klammern

Für jedes Ohr wird eine eigene Kurve gezeichnet. Die üblichen Zeichen sind:

ZeichenBedeutung
Kreis, oft rotrechtes Ohr, Luftleitung (über Kopfhörer)
Kreuz, oft blaulinkes Ohr, Luftleitung
spitze Klammer < oder >Knochenleitung (über einen Knochenhörer hinter dem Ohr)
Pfeil nach untenbei der höchsten Lautstärke des Geräts keine Reaktion

Die Farben und Zeichen können sich je nach Gerät leicht unterscheiden. Auf dem Ausdruck steht meist eine Legende.

Grad des Hörverlusts

Für eine grobe Einordnung bildet man den Mittelwert über die Frequenzen 500, 1.000, 2.000 und 4.000 Hz. Die WHO verwendet seit ihrem World Report on Hearing 2021 folgende Einteilung für das besser hörende Ohr:

Mittlerer HörverlustEinordnung (WHO)
unter 20 dBnormales Hören
20 bis unter 35 dBleichter Hörverlust
35 bis unter 50 dBmittelgradiger Hörverlust
50 bis unter 65 dBmittelgradig bis schwer
65 bis unter 80 dBschwerer Hörverlust
80 bis unter 95 dBhochgradiger Hörverlust
95 dB und mehrvollständiger Hörverlust, Taubheit

In Deutschland spricht die Hilfsmittel-Richtlinie von einer an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit, wenn der Mittelwert auf dem besseren Ohr über 80 dB liegt.

Die Form der Kurve verrät viel

  • Abfallend nach rechts: Die hohen Töne fehlen. Das ist typisch für Altersschwerhörigkeit.
  • Senke um 4.000 Hz: Eine Delle, die danach wieder ansteigt, findet man häufig nach Lärmbelastung.
  • Flach: Alle Tonhöhen sind ähnlich betroffen.
  • Ansteigend: Die tiefen Töne fehlen stärker. Das ist seltener und sollte ärztlich eingeordnet werden.

Luftleitung und Knochenleitung: zwei Arten von Schwerhörigkeit

Bei der Luftleitung gelangt der Ton über Gehörgang, Trommelfell und Mittelohr ins Innenohr. Bei der Knochenleitung wird der Schädelknochen in Schwingung versetzt. Der Ton umgeht so Gehörgang und Mittelohr und erreicht das Innenohr direkt. Der Vergleich beider Kurven zeigt, wo das Problem liegt:

  • Schallempfindungsschwerhörigkeit: Luft- und Knochenleitung liegen gleich tief. Die Ursache sitzt im Innenohr oder im Hörnerv. Altersschwerhörigkeit und Lärmschwerhörigkeit gehören dazu. Hier helfen meist Hörgeräte.
  • Schallleitungsschwerhörigkeit: Die Knochenleitung ist gut, die Luftleitung deutlich schlechter. Der Schall kommt also nicht richtig ins Innenohr. Mögliche Ursachen sind ein Ohrenschmalzpfropf, eine Mittelohrentzündung oder eine Versteifung der Gehörknöchelchen. Manches davon lässt sich ärztlich behandeln.
  • Kombinierte Schwerhörigkeit: Beide Anteile kommen zusammen.
Den Unterschied zwischen Luft- und Knochenleitung kann ein Online-Test nicht messen. Ob eine behandelbare Ursache vorliegt, klärt nur die HNO-Praxis.

Das Tonaudiogramm ist nur die halbe Wahrheit

Das Tonaudiogramm sagt, welche Töne Sie hören. Es sagt nicht, wie gut Sie Sprache verstehen. Dafür gibt es das Sprachaudiogramm. In Deutschland wird dabei häufig der Freiburger Einsilbertest verwendet: Sie hören einsilbige Wörter in verschiedenen Lautstärken und sprechen sie nach. Die Krankenkasse orientiert sich an beiden Messungen. Für die beidohrige Hörgeräteversorgung gilt unter anderem: Auf dem besser hörenden Ohr werden bei 65 dB höchstens 80 Prozent der Einsilber verstanden.

Wie gut Sie Sprache im Störgeräusch verstehen, zeigen Satztests im Störschall. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Hören im Restaurant.

Weitere Werte auf dem Ausdruck

Manche Audiogramme enthalten zusätzliche Einträge. Die Unbehaglichkeitsschwelle zeigt, ab welcher Lautstärke Ihnen ein Ton unangenehm wird. Für die Einstellung von Hörgeräten ist sie wichtig, damit laute Geräusche nicht stören. Ein Tinnitus wird manchmal mit seiner Tonhöhe und Lautstärke eingetragen. Und wenn ein Ohr sehr viel schlechter hört als das andere, wird das bessere Ohr während der Messung mit einem Rauschen vertäubt. So stellt man sicher, dass wirklich das richtige Ohr antwortet.

Ihr Audiogramm im Gespräch nutzen

Bitten Sie in der HNO-Praxis oder beim Hörakustiker um eine Kopie Ihres Audiogramms. Sie haben ein Recht auf Einsicht in Ihre Befunde. Mit der Kopie können Sie Veränderungen über die Jahre verfolgen und mehrere Angebote vergleichen.

Eine erste eigene Hörkurve erhalten Sie mit dem kostenlosen Online-Hörtest, der jedes Ohr einzeln von 250 bis 8.000 Hz prüft. Fachbegriffe wie dB HL oder Presbyakusis erklärt das Hör-Lexikon. Und wenn Sie Ihren Befund mit jemandem durchgehen möchten, nutzen Sie das Online-Erstgespräch.

Häufige Fragen

Was ist ein normales Audiogramm?

Bei normalem Hören liegt der mittlere Hörverlust unter 20 dB. Die Messpunkte liegen dann weit oben in der Grafik. Einzelne Werte etwas tiefer sind nicht ungewöhnlich.

Warum gibt es zwei Kurven pro Ohr?

Eine Kurve zeigt die Luftleitung über Kopfhörer, die andere die Knochenleitung über einen Knochenhörer. Der Vergleich zeigt, ob das Problem im Mittelohr oder im Innenohr liegt.

Ist ein Online-Audiogramm genauso genau?

Nein. Kopfhörer, Raumgeräusche und Gerätelautstärke beeinflussen das Ergebnis. Ein Online-Test eignet sich zur Orientierung, nicht zur Diagnose.

Was bedeutet dB HL?

HL steht für Hearing Level. 0 dB HL ist der Durchschnittswert normal hörender junger Menschen. Höhere Werte bedeuten, dass ein Ton lauter sein musste, damit Sie ihn hören.

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Quellen

  1. G-BA: Hilfsmittel-Richtlinie, Abschnitt C Hörhilfen (Stand 2025): www.g-ba.de
  2. WHO: Deafness and hearing loss (Faktenblatt): www.who.int
  3. Die WHO-Grade des Hörverlusts: Konsens zur deutschen Fassung (PMC): www.ncbi.nlm.nih.gov
  4. gesundheitsinformation.de (IQWiG): Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit bei Erwachsenen: www.gesundheitsinformation.de

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.