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Hörverlust verstehen

Hörverlust und Demenz: Was die Forschung sagt

Redaktion HörviaStand: Oktober 20267 Min. Lesezeit

Hörverlust gilt in der Forschung als einer der Risikofaktoren für Demenz, die sich grundsätzlich beeinflussen lassen. Das heißt nicht, dass jeder Mensch mit Hörverlust eine Demenz bekommt. Und es heißt auch nicht, dass Hörgeräte vor einer Demenz schützen. Was die Studienlage tatsächlich sagt, lesen Sie hier.

Was die Lancet-Kommission 2024 festgestellt hat

Die Fachzeitschrift The Lancet hat eine internationale Expertenkommission eingesetzt, die regelmäßig die Forschung zu Demenz auswertet. In ihrem Bericht von 2024 nennt sie 14 Risikofaktoren, die sich im Lauf des Lebens beeinflussen lassen. Dazu gehören unter anderem geringe Bildung, Bluthochdruck, Rauchen, Bewegungsmangel, Diabetes, Depression, soziale Isolation, hohes LDL-Cholesterin, unbehandelte Sehschwäche und Hörverlust.

Nach den Berechnungen der Kommission ließe sich weltweit rechnerisch knapp die Hälfte der Demenzfälle, rund 45 Prozent, verhindern oder hinauszögern, wenn alle diese Faktoren vollständig beseitigt wären. Den größten Anteil haben dabei Hörverlust und hohes LDL-Cholesterin mit jeweils etwa 7 Prozent.

Wie man diese Zahlen richtig liest

Solche Werte sind Schätzungen für die gesamte Bevölkerung. Sie beruhen auf Beobachtungsstudien und statistischen Modellen. Daraus folgt dreierlei:

  • Ein Risikofaktor ist keine Ursache im Einzelfall. Viele Menschen mit Hörverlust bekommen nie eine Demenz. Viele Menschen mit Demenz hatten nie einen Hörverlust.
  • Ein Zusammenhang ist kein Beweis. Es ist möglich, dass Hörverlust und Demenz teilweise gemeinsame Ursachen haben, etwa Veränderungen der Blutgefäße.
  • Die Wirkung von Hörgeräten ist nicht abschließend geklärt. Einige Studien deuten auf einen günstigen Zusammenhang hin. Ob Hörgeräte das Demenzrisiko im Einzelfall senken, ist nicht sicher belegt.
Hörgeräte sind kein Mittel gegen Demenz. Sie verbessern das Hören und damit die Teilhabe an Gesprächen. Das ist ein guter Grund für sich.

Welche Erklärungen diskutiert werden

Die Forschung verfolgt mehrere Ideen, warum schlechtes Hören und geistige Leistungsfähigkeit zusammenhängen könnten:

Höranstrengung

Wer schlecht hört, muss viel Aufmerksamkeit aufwenden, um Sprache zu entschlüsseln. Diese Kraft fehlt dann womöglich für andere Aufgaben wie Merken und Verstehen.

Weniger Reize für das Gehirn

Wenn über Jahre weniger Klang im Gehirn ankommt, werden die zuständigen Bereiche weniger gefordert. Ob das langfristig Folgen hat, wird untersucht.

Rückzug und Einsamkeit

Hörverlust macht Gespräche mühsam. Viele Menschen ziehen sich deshalb zurück. Soziale Isolation ist selbst einer der 14 Risikofaktoren.

Hören und Sehen gehören zusammen

Neu im Bericht von 2024 ist die unbehandelte Sehschwäche als eigener Risikofaktor. Für den Alltag heißt das: Augen und Ohren verdienen die gleiche Aufmerksamkeit. Wer schlecht sieht, kann Lippenbewegungen und Mimik schlechter ablesen und ist beim Verstehen noch stärker auf das Gehör angewiesen. Wer schlecht hört, profitiert umgekehrt besonders von gutem Sehen. Eine aktuelle Brille und ein gut eingestelltes Hörgerät ergänzen sich.

Was diese Erkenntnis nicht bedeutet

Die Forschung zu Hörverlust und Demenz ist keine Grundlage für Angst. Ein Hörverlust ist sehr häufig, und die allermeisten Menschen mit Hörverlust bleiben geistig fit. Die Botschaft der Kommission ist eine andere: Es gibt Faktoren, die jeder Mensch und die Gesellschaft beeinflussen können. Gutes Hören gehört dazu, ebenso wie Bewegung, Bildung, Gemeinschaft und ein gesunder Blutdruck.

Was die Kommission empfiehlt

Die Lancet-Kommission empfiehlt unter anderem, Hörgeräte für alle Menschen mit Hörverlust zugänglich zu machen und Lärm zu reduzieren. In Deutschland ist der Zugang vergleichsweise gut geregelt. Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten bis zum Festbetrag, wenn eine HNO-Ärztin oder ein HNO-Arzt die Notwendigkeit feststellt. Trotzdem nutzten nach der Befragung EuroTrak Germany 2025 nur 47 Prozent der Menschen, die einen Hörverlust angeben, ein Hörgerät.

Was Sie konkret tun können

  1. Hören prüfen lassen: Ab etwa 50 Jahren ist ein Hörtest alle paar Jahre sinnvoll, früher bei Beschwerden.
  2. Hörverlust ernst nehmen: Wenn ein Hörgerät empfohlen wird, probieren Sie es in Ruhe aus.
  3. Hörgerät wirklich tragen: Ein Gerät in der Schublade hilft nicht. Die Eingewöhnung lohnt sich. Tipps dazu finden Sie im Beitrag Eingewöhnung.
  4. Im Gespräch bleiben: Treffen mit Freunden, Vereine und Familie halten Kopf und Seele in Bewegung.
  5. Auf die anderen Faktoren achten: Blutdruck, Bewegung, Sehen und Rauchverzicht gehören ebenfalls dazu.

Warum gutes Hören unabhängig davon zählt

Ob Hörgeräte das Demenzrisiko beeinflussen, wird weiter erforscht. Unabhängig davon gibt es greifbare Gründe, einen Hörverlust nicht zu ignorieren: Gespräche werden leichter, Missverständnisse seltener, Treffen mit anderen Menschen weniger anstrengend. Viele Menschen erleben, dass sie mit gutem Hören wieder lieber unter Leute gehen. Das allein ist ein Gewinn an Lebensqualität.

Wenn ein Angehöriger betroffen ist

Bei älteren Menschen ist es manchmal schwer zu unterscheiden, ob jemand etwas nicht versteht oder es nicht hört. Ein Hörtest kann helfen, das auseinanderzuhalten. Wer Antworten gibt, die nicht zur Frage passen, hat sie vielleicht schlicht nicht gehört. Wie Sie das Thema behutsam ansprechen, erklärt der Beitrag Mit Eltern über Hörverlust sprechen.

Ein guter Anfang ist der kostenlose Online-Hörtest zur Orientierung. Wenn Sie danach Fragen haben, sprechen Sie mit uns im Online-Erstgespräch, gern auch gemeinsam mit Ihren Angehörigen.

Häufige Fragen

Verursacht Hörverlust Demenz?

Das ist nicht belegt. Hörverlust gilt als Risikofaktor, das heißt, er tritt in Studien häufiger zusammen mit späterer Demenz auf. Eine Ursache im Einzelfall lässt sich daraus nicht ableiten.

Schützen Hörgeräte vor Demenz?

Das ist nicht sicher belegt. Einige Studien deuten auf einen günstigen Zusammenhang hin. Hörgeräte verbessern aber nachweislich das Hören und erleichtern Gespräche.

Welche Risikofaktoren nennt die Lancet-Kommission?

Insgesamt 14, darunter Hörverlust, Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, Bewegungsmangel, Depression, soziale Isolation, hohes LDL-Cholesterin und unbehandelte Sehschwäche.

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Quellen

  1. Livingston et al.: Dementia prevention, intervention, and care. 2024 report of the Lancet standing Commission: doi.org
  2. EuroTrak Germany 2025 (EHIMA, Zusammenfassung HearingYou): hearingyou.org
  3. WHO: Deafness and hearing loss (Faktenblatt): www.who.int

Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.